In letzter Zeit gab es immer mal wieder Beiträge in verschiedenen Medien oder Diskussionen in von mir geliebten Communities über Projekte, in denen Handgestricktes von Omas vermarktet wird.
Es ist interessant zu lesen, zu welchen Vermutungen über die Motivation der Geschäftsinhaber es bei solchen Diskussionen kommt. Nun hatte sich jemand die Mühe gemacht und eine Handvoll Projekte aufgelistet. Da habe ich mir gedacht, ich mache mir mal selbst ein Bild davon.

In allen Projekten wird dargestellt, dass es Omas sind, die die Socken, Mützen & Co stricken. Die Omas sind alle mit Bild und einem kleinen Text über sich vorgestellt. Dabei kann ich natürlich nicht nachvollziehen, stimmen die Angaben wirklich. Da ist, wie so häufig, Vertrauen gefragt. Was mir bei den einzelnen Seiten definitiv gefehlt hat, war eine Vorstellung der Personen im Hintergrund. Wie ist die Idee entstanden? Klar, vereinzelt ist dies irgendwo auf der einen oder anderen Webseite zu finden. Doch wirklich klar und übersichtlich strukturiert ist in der Hinsicht keine Seite gewesen.
So haben solche Seiten für mich immer einen schalen Beigeschmack. Gerade bei solchen Ideen ist es für mich wichtig zu wissen, wer steht außer den Omas für die Idee ein. Springt da jemand grade nur auf einen interessanten Zug auf oder kann er die Idee selbst leben und authentisch vertreten?

Wie steht es nun um das eigentliche Produkt? Die Preise variieren sehr stark, wobei mich die preiswerten Socken doch arg irritieren. Abzüglich der Verwaltungskosten, in denen natürlich auch die Hostingkosten, der Papierkram und die Materialkosten mit einzurechnen sind, bleibt unterm Strich nicht wirklich viel. Das ist mir vor allem etwas bitter aufgestoßen, als ich feststellte, dass hinter der Seite eine bekannte Firma steckt. In dem Moment stellte sich mir die Frage, ist es wirklich so, dass diese Socken handgestrickt sind oder mag dort nur jemand den Trend ausnutzen?

Und das ärgert mich doch nun schon arg. Für was steht denn eigentlich eine Oma in unserer heutigen Zeit? Es gibt verschiedene Seiten im Netz, bei denen es heißt „Frag doch mal die Oma“. Ist das Wissen von dieser Generation vielfältiger als das Jüngerer? Vielleicht ist es aber auch das Vertrauen in deren Lebenserfahrungen. Vieles hat sich in den letzten Jahren verändert, das Leben ist schneller geworden, die Gesellschaft lässt einem kaum noch Zeit für sich, um auch einmal zur Ruhe zu kommen. Und genau da wird sich zurückbesonnen, wie es einst gewesen ist. Und viele verbinden wahrscheinlich mit ihren Großeltern eine besondere Ruhe und Lebensweisheit.
Aber warum wird Stricken vor allem mit Großmüttern in Verbindung gebracht?

Das ist eine der Fragen, die sich immer mehr vor allem junge Strickerinnen stellen. Warum wird man häufig schief angeschaut, wenn man strickt. Vielfach wird man dann mit in die Omafraktion geschoben oder in die Ökoecke. Aber Moment, ich drifte vom Thema ab.

Was ich schon mal erwähnt habe, es bleibt nicht wirklich viel übrig für die Strickerinnen. Wird damit der Preis für Handgestricktes aus dem Inland gedrückt? Wird überhaupt nicht Rücksicht auf Löhne von „Normalverdienern“ gemacht? Ich glaube kaum. Es ist toll, dass derzeit Strickwaren in sind und es somit eine gesteigerte Nachfrage nach eben jene Produkten gibt. Jedoch wird kaum jemand, der unterhalb der Oberklasse verdient, mehrere hundert Euro für eine Strickjacke oder einen Pullover ausgeben. Auch Socken, die über fünfzig Euro kosten, werden wohl kaum eine gesteigerte Nachfrage erfahren. Nur eine kleine Klientel wird sich diese Preise leisten können. Daher denke ich nicht, dass mit diesen Angeboten Löhne gedrückt werden; das wird eher außerhalb unseres Kontinentes getan, wo es reicht, dass eine Frau an einer Strickmaschine steht und dabei regelmäßig die richtigen Farben einlegen muss, um als Handgestrickt bei uns verkauft zu werden.
Vielfach ist es ein geringer Zuverdienst der Frauen, die diesem Hobby nachgehen. Und wer meint, dass sich die Frauen mit viel zu wenig abspeisen lassen, dann soll er sich erst erkundigen, wie viel man als Rentner dazu verdienen kann, ohne dass es mit anderen Geldern verrechnet wird.

So sollte man auch nicht vergessen, dass es für viele, gerade ältere Damen ein tolles Gefühl ist, dass ihre Händearbeit so viel Wertschätzung erhält, dass diese von anderen Menschen käuflich erworben werden. Und wenn diese Arbeit auch noch mit Geld honoriert wird, was möchte man denn selbst noch mehr?

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2 thoughts on “Oma strickt – Marketingmasche, Ausbeutung oder eine nette Idee?”

  1. Ein super Bericht über diesen Trend, den ich erst in den letzten Tagen in irgendeiner Zeitschrift wahr genommen habe. Aber du sprichst mir aus der Seele und hast den Finger gut in die wunden Punkte gelegt. Von mir bekommst du heute den Titel „Blogbeitragschreiberin, die kritischen Journalismus praktiziert“. Weiter so!

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